Über Kinderlähmung und das Post-Polio-Syndrom

Älteren Menschen unter uns ist der Begriff Kinderlähmung noch bekannt, spätestens nach der Entwicklung des Lebend-Impfstoffs durch Albert Bruce Sabin und der dadurch erst möglich gemachten massiven Impfkampagne ab 1962 in Deutschland mit dem Slogan „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“.
Den Jüngeren unter uns sagt das oft nichts mehr, was im Prinzip natürlich ein gutes Zeichen ist. In Deutschland erfolgte die letzte Ansteckung mit Polio übrigens 1990. Also soll hier an dieser Stelle – ohne wissenschaftlichen Anspruch und in hoffentlich verständlichen Worten – für Nichtbetroffene einmal erklärt werden, was Kinderlähmung und das daraus folgende Post-Polio-Syndrom sind.

Die Kinderlähmung

Die Poliomyelitis, kurz Polio, ist eine durch das Poliovirus ausgelöste Infektionskrankheit. In Deutschland ist diese Erkrankung, wie bereits oben erwähnt, unter der Bezeichnung Kinderlähmung bekannt. Übertragen hat sich das Virus von Mensch zu Mensch über eine Tröpfchen- oder Schmierinfektion.
Ab Anfang des letzten Jahrhunderts wurden in Europa und den Vereinigten Staaten regionale Epidemien der Poliomyelitis beobachtet, die nicht nur eine bestürzende Auswirkung auf die damals erkrankten Kinder, sondern auch auf ganze Familien hatte und noch bis heute hat.
Die Symptome sind meistens leichtes Fieber, Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit, also Symptome, wie sie auch bei einer Grippe oder Masern auftreten.
Der Hamburger Arzt Dr. Peter Brauer, der sich seit mehr als einem Jahrzehnt ehrenamtlich für Post-Polio-Patienten engagiert, sagt, dass „von 100 Menschen, die sich mit dem Virus der Kinderlähmung infizieren, 92 nicht krank werden und nur einer mit Lähmungen erkrankt“. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass viel mehr Menschen eine Kinderlähmungs-Infektion hatten, als offiziell bekannt ist.
Haben sich die Viren erst einmal im Darm vermehrt, gelangen sie über die lokalen Lymphknoten und später über die Blutbahn in die Nervenzellen des Rückenmarks, von wo die Muskulatur gesteuert wird. Durch die körpereigenen Abwehrzellen gegen die Viren entsteht eine Entzündung, welche die Nervenzellen zerstört. Fast immer ist auch das Gehirn mit betroffen, wo das Virus einige Kontrollzentren, wie z.B. das Atem-, Kreislauf- oder Temperaturzentrum zerstören kann. Ausdrücklich soll aber hier betont werden, dass die kognitiven Fähigkeiten sowie die Bereiche von Gefühl- und Sinneswahrnehmung davon nicht betroffen sind.
Wir beschränken uns an dieser Stelle auf die motorischen Nervenzellen, alles Weitere würde hier zu viel werden.
Jetzt sind also einige motorische Nervenzellen und Nervenstränge zerstört. Die Muskelfasern werden nicht mehr versorgt und die Folgen sind schlaffe Lähmungen. Nach der akuten Krankheit sprießen aber neue Fasern von den überlebenden motorischen Nervenzellen aus, die diese Muskelfasern oder Muskelstränge dann wieder „bedienen“. Ein langsamer Muskelaufbau kann also dann nach der Akutphase beginnen.

Das Post-Polio-Syndrom

Allerdings führt zu viel Training, ein Überschreiten der Belastungsgrenze sollte hier nie stattfinden, zur Zerstörung der verbliebenen motorischen Nervenzellen. Diese neuronale Dauerüberlastung, denen die geschädigten Nervenstrukturen seit der Kinderlähmung permanent ausgesetzt sind und dies bereits bei normalen Alltagstätigkeiten, gilt als Hauptursache für das Post-Polio-Syndrom. Vereinfacht gesagt: Der Körper befindet sich im Prinzip seit Jahrzehnten im permanenten Dauerlauf. Kein Wunder also, dass der Poliobetroffene nach vielen Jahren mit einer gewissen Stabilität eine erneute Verschlechterung seines Gesundheitszustands bemerkt.
Diese gibt ihm das Gefühl, die Kinderlähmung kehre zurück. Eine abnorme Müdigkeit und Erschöpfungszustände sowie eine zunehmende Muskelschwäche kennzeichnen das PPS. Auch diffuse Muskel-, Gelenk- oder Nervenschmerzen sowie eine außergewöhnliche Kälteunverträglichkeit sind weitere Symptome.
Es gibt keine spezifischen Tests und somit wird die PPS-Diagnose zu einer Ausschlussdiagnostik. Es kann also in Einzelfällen zu Überschneidungen mit altersabhängigen Veränderungen und/oder anderen Krankheiten kommen.
Die Kinderlähmung und das Post-Polio-Syndrom sind neurologische Erkrankungen und sollten also auch dementsprechend neurologisch orientiert therapiert werden. Muskelaufbauende Therapien sind in der Regel eher schädlich, muskelerhaltende Therapien aber sehr hilfreich.

Angelika Behrenhoff

Nachfolgend in tabellarischer Form zusammengefasst die typischen Symptome beim PPS.

Die Abkürzung PPS steht für Post Polio Syndrom. Es handelt sich dabei um eine neurologische Erkrankung bei Menschen, die Jahrzehnte zuvor eine Poliomyelitis (Kinderlähmung) erlitten haben.

Typische Symptome sind:

Müdigkeit
Körperliche Schwäche, Erschöpfung, Antriebslosigkeit

Muskelschmerzen/Myalgie
Örtlich begrenzter oder diffuser Schmerz, der von den Muskeln ausgeht

Muskelschwäche
Abnorm schnelle Muskelermüdung, die sich unter Belastung verstärkt

Muskelatrophie
Die mit bloßem Auge sichtbare Umfangabnahme eines Skelettmuskels

Faszikulationen
Unregelmäßige und unwillkürliche Kontraktionen von Muskelfaserbündeln

Atem und Schluckstörungen
Schwierigkeiten beim Atmen und Schlucken

Kälteintoleranz
Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Kälte